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“Tagesspiegel” Berlin, 15. November 1998

Wie Hänschenklein einmal Baal sein wollte

Fahnenflucht ins Leben: “Übungsheft der Liebe” - der zweite Roman des in Berlin lebenden Schweizer Schriftstellers Silvio Huonder

von Katrin Hillgruber

Dieses Buch ist wie ein Sprung vom Dreimeterbrett. Hat man sich einmal der Gedankenwelt des Deserteurs Fabio Bosch anvertraut, gibt es kein zurück mehr. Versucht man halbherzig eine Umkehr, fragt man sich, warum man sich für diesen präpotenten Jüngling und seine Amouren überhaupt interessieren soll, so holt einen der erzählerische Sog von Silvio Huonders zweitem Roman doch immer wieder ein. Darin ist er zuverlässig. Dieser Autor, für seinen Erstling “Adalina” viel und mit Recht gelobt, beherrscht sein Handwerk: Er instrumentiert sparsam, wenige Striche genügen ihm, um Wirklichkeit zu evozieren, und kurz darauf hebt er mit einem einzigen Detail, einem Nebensatz den eben entstandenen Eindruck wieder auf.

“Übungsheft der Liebe” markiert für den Churer des Jahrgangs 1954, der seit neun Jahren in Berlin lebt und sich einst selbst dem Wehrdienst entzog, auch eine Art erzählerische Heimkehr. Der Klappentext verrät, dass der Roman auf autobiographische Motive zurückgeht, und tatsächlich ist die Authenzität des Textes wohl diesem Umstand zu verdanken. In “Adalina” nannte er seine Heimatstadt, jenes Chur, das Reto Hänny zu “Ruch” verklausuliert hatte, gar nicht beim Namen, nun lässt er bei den Koordinaten von Raum und Zeit grösste Genauigkeit walten. Hat er sich mit Chur versöhnt? Huonder schreibt linear, fast immer im Präsens und im Indikativ, stark dialogisch. Oft sieht man den “Film zum Buch” schon vor sich (inzwischen ist er in Vorbereitung). Vieles wirkt kalkuliert, auf den Markterfolg hin ausgedacht.

Rebell für bürgerliche Frauen

Das Studium der Tiermedizin hat Fabio Bosch abgebrochen, die Rekrutenschule vier Tage vor dem Ende widerrechtlich verlassen. Das ist der “eine entscheidende Schritt vom Weg ab” als Erzählanlass. Nun befindet sich der Zwanzigjährige auf der Flucht vor den Behörden, denen er sich am 22. Mai um elf Uhr hätte stellen sollen, um eine zehnmonatige Haftstrafe anzutreten. Was hat ihn zu diesem Bruch mit den Konventionen angetrieben, ihn, den Sohn eines Postboten, der eigentlich “super zufrieden mit dem Verlauf der Dinge” war? Es ist ein unbestimmter Freiheitsdrang, der Wunsch, sowohl vom Militär als auch von der Menschheit freigestellt zu werden und erst einmal die eigenen Kräfte zu erproben - Born to be wild.

Fabios revolutionärer Impetus fällt milde aus, er verfolgt keine politische Absichten, sondern dezidiert erotische. Seine Flucht quer durch die Schweiz dauert nur wenige Wochen, bis er im “Untergrund” von Chur verschwindet. “Übungsheft der Liebe” ist ein Entwicklungsroman, der in der Gefährdung seines Helden überschaubar bleibt. Das macht ihn durchaus glaubwürdig und nachvollziehbar. Im Grunde will man ja gerade diese Geschichten lesen, will man bestästigt wissen, dass es ganz einfach wäre, aus dem Alltag zu fliehen.

Fabios Ausnahmezustand als “Virus unter der Schädeldecke der Gesellschaft” definiert sich in erster Linie über die Häufigkeit sexueller Ekstasen. Das illegale Dasein des jungen Mannes, der auf der Flucht vor der Polizei stets auf der Suche nach einem Bett für die Nacht ist, übt auf die bürgerliche Weiblichkeit eine stupende Anziehungskraft aus. Er ruft zu gleichen Teilen Mutterinstinkt und Abenteuerlust wach. Und wer ihm nicht alles widerstehen kann: Da wäre Karin, die rexonafrische Tochter seines Pflichtverteidigers vor dem Militärgericht; Mona, die Krankenschwester, an der alles “wie aufgepumpt” ist; die katzenhafte Evi; Hannelore Fetz alias Marie, Schauspielschülerin aus Vorarlberg; schliesslich die Malerin Greeta, die ihn zunächst als Aktmodell einsetzt, wobei seine grösste Sorge ist, “dass ich hier stehe wie Aphrodite, und plötzlich geht der Fisch hoch.” Ein arg- doch nicht witzloser Erotomane geht durch die Schule der Frauen.

Orgasmen drängen zur Schrift

Silvio Huonder schildert die Geburt eines Schriftstellers, irgendwann am Ende der siebziger Jahre. Einen ganzen Sommer lang hält Proband Fabio an der Illusion fest, Leben und Schreiben zur Deckung bringen zu können. Sein Vorbild heisst Jack Kerouac. “Nicht ich schreibe, das Leben schreibt durch mich”, nimmt er sich vor, und am liebsten möchte er auch dann den Stift in der Hand behalten, wenn das Leben am intensivsten ist: Den Orgasmus will er zu Schrift werden lassen, Sex und Literatur vereinigen. So stellt sich Hänschenklein das wilde Leben vor; das Experiment scheitert kläglich.

Der “Held der Liebe”, wie er sich selbst nennt, zelebriert seine ungebrochene, unbekümmerte Männlichkeit. Hier führt kein zergrübeltes Bürschchen die Feder, eher ein Baal redivivus, dabei ein ungemein harmloser. Die Haltung des “Was kostet die Welt” bei gleichzeitiger Selbstironie macht den Taugenichts aus Chur symphatisch. Huonder spricht instinktsicher gewöhnliche Sehnsüchte an. Derart “straight” zu schreiben, über weite Strecken in Form eines Tagebuches, erfordert heutzutage kaltes Blut und formale Könnerschaft. Der Autor verfügt über beides. Viele Wendungen klingen banal, doch ist dieser Effekt kalkuliert, die Kunstlosigkeit gewollt. Das verleiht dem unfertigen Helden wie einst Holden Caulfield in Salingers “Fänger im Roggen” oder Edgar Wibeau aus Ulrich Plenzdorfs “Die neuen Leiden des jungen W:” einen ungelenken Charme.

Am Ende ist das Übungsheft voll, das Experiment beendet. Fabio bleibt nur der Nachtzug in die Fremde. Der Entwicklungsroman tut das, was er soll: Er entlässt seinen Helden gereift ins Leben. Das Unkonventionelle hat alles Konventionen brav eingelöst. Die Erkenntnis, dass das Leben die besten Geschichten schreibt, ist eine Platitüde, die Silvio Huonder bestätigt.     (Kathrin Hillgruber, TAGESSPIEGEL Berlin 15. Nov. 1998)

 

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