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Neue Zürcher Zeitung / Feuilleton Sa./So. 22./23. März 1997

Fort aus dieser sinnlos schönen Landschaft

Beatrice von Matt über den ersten Roman von Silvio Huonder

Der Held heisst Johannes Maculin. Das wird man sich merken. Die Namen von Walter Faber und Theo Gantenbein, Werner Amberg und August Abraham Abderhalden haben wir ja auch nicht vergessen.

Es ist nicht wahr, dass man nach Paris oder Barcelona oder New York reisen muss, um «das Leben» zu finden. Die Kitschevasionen eines Paul Nizon haben ihren Glamour verloren. Doch bestimmten solche Weltstadtklischees zu lange und zu nachhaltig unser Denken, verstellten mehr als die vielzitierten Bergwände unseren Blick. Von einem Autor, der solches weiss und auf Anhieb auch überragend gestaltet, ist hier zu reden: Silvio Huonder legt seinen ersten Roman vor, «Adalina». 1954 in Chur geboren, lebt Huonder seit 1989 in Berlin, wo er sich vor allem mit dem Theater beschäftigt, Stücke schreibt, Drehbücher, Hörspiele.

Krise

Mit seinem Roman reist er aus Berlin in die Schweiz zurück. «Er», das ist der Protagonist des Buchs, Johannes Maculin. Wir begegnen dem recht erfolgreichen Illustrator, «einem Schweizer in den besten Jahren», achtunddreissig, an einem «ganz normalen Samstag» in Katerstimmung. Die Wohnung beim Nollendorfplatz ist am Vergammeln, die «Beziehung» am Abserbeln, man frühstückt nicht mehr gemeinsam im Bett. Die Zeichnungen zum Thema Eifersucht misslingen, bis Montagmorgen sollten sie auf der Redaktion liegen. Maculin geht durch die Strassen, kauft Schuhe, die falschen. Sie sind ihm zu hell und zu spitz, das Leder zu hart. Blut im Schuh, denkt die Leserin. Die glatten Sohlen werden ins Rutschen geraten, vernimmt man im Motto zum Buch. Über Schuhe müsse man ihm nichts erzählen, meint Maculin, denn «sein Tat, wie Grossvater auf rätoromanisch heisst, war Wegmacher in Graubünden. Buns calzers, gute Schuhe, sagte der Tat zu seinem Enkel, sind das Wichtigste im Leben.»

Durch das ganze Buch hallen die Schuhe zu laut, leuchten zu neu. Maculin schmiert Fett aufs Leder, zuerst in Berlin, dann, eine Nacht später, in der Heimatstadt, die sich mit vier Buchstaben schreibt und deren Namen er nie nennen wird. Nicht einmal «Ruch», nicht einmal verkehrt, wie Reto Hänny. «Je älter die werden, um so schöner, hatte der Verkäufer gesagt. Die Schuhe werden nicht alt. -Im Bahnhof Zoo ist Maculin einfach in den Zug gestiegen. Eben hatte er noch im «Koma», seiner Kneipe, gesessen und seinen Kumpanen darlegen wollen, wie man bei ihm zu Hause von der Stadtmitte in vier Stunden oben sei, über Wäldern und Geröll, auf 2000 Metern. Das interessiert keinen. Maculin schaut auf die Spitzen seiner Schuhe, knöpft den Mantel zu und geht: «Grossstädter haben den kleinsten Horizont der Welt. Sehen nur über die Strasse. Bis zur nächsten Fassade.» Das aber ist nicht der Grund seiner Rückreise. Da, wo es ihn hintreibt, ist man keineswegs besser. Von daheim «wegbleiben wäre das einzig Wichtige».

Doch Maculin gerät als Akteur in einen rückwärtslaufenden Film. Ein gering-fügiges Geschehnis, ein Traum setzen diesen Film in Gang, und im Buch tut sich ein anderer Raum auf: die Zeit Johannes Maculins als Kind bis zum achtzehnten Jahr. Das war immer schon Jetztzeit, muss er einsehen, alles Spätere Nebensache. Die wahre Gegenwart holt ihn heim mit magischen Kräften. Eine schemenhafte Gestalt, die er selber aufs Papier geworfen hat, nimmt Leben an: Adalina, seine wilde Cousine, seine erste Liebe. Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Mit sechzehn hatte sie einen Unfall, an ihrem Tod fühlt er sich schuldig.

Nach der betonten Gewöhnlichkeit, dem witzig grotesken Auftakt wird dieser Erstling ein grosses Buch. Liebe, Tod, Schuld werden übermächtig auf dem Hintergrund der scharfsichtig geschilderten Bewohner der proletarischen Rheinstrasse, eines Quartiers, das in der Churer Stadtgeschichte keine Rolle spielt. In schmerzenden Schuhen bewegt sich am Sonntagmorgen der übernächtigte Rückkehrer durch die verschlafene Stadt. In den vierundzwanzig Stunden zwischen der Ankunft und dem dramatischen Finale werden Hunderte von Geschichten, quälende zumeist, wachgerufen. Alle sind sie konkret erzählt und knapp geschnitten. Selten nur wird ein Traum zu ausgedehnt und allzu zusammenhängend dargeboten, wie jener vom beissenden Narrenkopf, den Maculin in einer Kirchenbank träumt. Neue Geschichten mit den Gestalten von einst werden angerissen, dann abrupt wieder verlassen. Denn hoffnungsfroh stimmen die Wiederbegegnungen nicht.

Mirakulös, wie die Figuren einfach so dastehen in wenigen kurzen Sätzen. Wie sie aufeinander bezogen werden, so dass sie einen beklemmenden Kosmos der Durchschnittlichkeit bilden, der auch die Lebendigeren, wie Onkel Fons und Tante Kläretil, verschlingt. Und dem ein heranwachsender Mensch eigentlich nur durch Landesflucht oder durch Flucht hinauf auf die Berge und Alpweiden entkommt.

Kindheitsgötter behaupten ihre Herrschaft, allen voran Mutter und Vater. Mitschüler, grausame Freunde, schrecken vor Folter nicht zurück. In den Traumnächten herrscht Krieg, der Ort mit den vier Buchstaben sinkt in Trümmer, oberhalb aber, weit über den brennenden Häusern der engen Rechtlichkeit, mitten in Gerüchen und Sommergewittern, ersteht auf dem Maiensäss das Bild einer neuen Behausung — für den sechzehnjährigen Maculin und Adalina, die verbotene Geliebte.

Silvio Huonder versteht es, das Leben seiner jungen Hauptfiguren mit den Bewegkräften der Menschheitsgeschichte auszustatten. Das ist kühn gewollt, die Sache. könnte abstürzen. Doch die Gratwanderung gelingt. Sie gelingt, weil hier trotz der symbolischen Aufladung auf Beobachtung und Präzision gesetzt wird und weil all die Einzelszenen verknüpft sind mit einer hinreissenden künstlerischen Sicherheit. Huonder inszeniert mitten in den sechziger und siebziger Jahren der schweizerischen Kleinstadt ein Fatum, das so rätselhaft unausweichlich abläuft wie eine alte Bergsage.

Mythische Bezüge

Unauffällig spielt der Autor mit mythologischem Material. Er müsste in Berlin nicht Schüler von Heiner Müller gewesen sein, wenn ihm am individuellen Geschick nicht mythische Bezüge einleuchten würden. Die Rede von der Raetia Prima und Raetia Secunda verkehrt sich über ultima ratio zu Ultima Raetia. Diese wird von den spitzen Schuh wie in einem Märchen durcheilt, und als erstes steigt der Heimkehrer in den Estrich, um nach einer (Schatz-)Kiste zu fahnden. Onkel Fons‚ der Vater Adalinas, besitzt Schweine, die Johannes zum Leidwesen seiner säuberlichen Mutter täglich pflegt und füttert, bis sie ins Schlachthaus kommen. «Die Sau als ein unterweltliches tödliches Tier» habe «die Farbe der Gespenster», sagt Karl Kerényi in seiner «Mythologie der Griechen». Die Cousine steigt aus dem Totenreich, schiebt sich als «Gespenst aus der Vergangenheit» in den Berliner Alltag.

In der Kindheitsgeschichte umgibt etwas Ungebärdiges, Gesetzloses das gewöhnliche Schulmädchen, das «Bravo»-Hefte liest und gestohlene Jeans à la Janis Joplin trägt. Mit den wehenden Haaren, ihrem «geheimnisvollen Jähzorn» und ihrer zärtlichen Behutsamkeit gehört Adalina zu den etwas hexischen Kindfrauen, die die Mythen und die Literatur in Bewegung bringen. Sie liebt «Heidengeschichten» und betont, dass solche auch dem Vikar Deflurin gefallen. Jene etwa von der Erschaffung von Mann und Frau, die sie in die Dämmerung hinein erzählt: Zwei Hälften seien diese eines einzigen Wesens, des Menschen, den die Götter entzweigehauen hätten. «Dann raunt ihre Stimme an der Hausmauer entlang: Seit diesem Tag haben die Menschen soviel zu tun, ihre verlorene Hälfte wiederzufinden, dass sie den Göttern nicht mehr gefährlich werden können. Was für Götter, sagt er, auf den Bergen. »

Mit zu glatten Sohlen wird Maculin sie suchen, über den Tannen in seiner Welt, auf der Roten Platte, nicht die Götter, aber die durch seine Schuld verlorene Hälfte. Mit ihrer Platon entliehenen Theorie hat Adalina die tödliche Spur selber gelegt.

Eine aussergewöhnliche Heimkehrergeschichte, die mit rasantem Erzähltempo nur rückwärts zielt: Auf Maculins einzig wirkliches Leben vor zwanzig Jahren als ganz junger Mensch. So ist «Adalina» auch eine Kindheitsgeschichte und muss den Vergleich mit den besten dieser Gattung in der Schweizer Literatur der letzten Jahrzehnte nicht scheuen, mit «Ninive» von Gertrud Leutenegger, «Der blaue Siphon» von Urs Widmer oder «Der Wettermacher» von Peter Weber. Unverhofft ist ein Erzähler ins Rampenlicht getreten, neuartig, erfinderisch, professionell.

Beatrice von Matt über «Adalina» – Roman von Silvio Huonder

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